Das sitzt wie angegossen: meine eigenen Grundschnitte

Ich habe bisher eher selten Kleidung genäht, und noch weniger darüber gebloggt. Dabei reizt mich das durchaus. Aber ich habe bei den gekauften Schnitten leider das gleiche Problem wie bei fertigen Kleidungsstücken: sie passen meistens nichts so recht. Wie viele Frauen entspreche ich so gar nicht den Maßen der Konfektionsgrößen. Schon alleine, weil ich ein ganzes Stück größer bin als der Durchschnitt, brauche ich eigentlich ganz andere Proportionen. Mit einfachem Verlängern ist es da nicht getan.

Natürlich habe ich beim Nähen die Möglichkeit, die Schnitte anzupassen. Aber dann müsste ich jeden neuen Schnitt erst einmal vermessen, mit meinen Maßen vergleichen und zerschneiden. Irgendwie klingt das nach vielen Fehlversuchen.

Ich hätte lieber eine solide Basis. Und da habe ich einen interessanten Artikel bei Dickespaulinchen gefunden: „Mein Körper, meine Passform, mein Basisschnittmuster

Darin beschreibt sie, wie sie für ihre persönlichen Maße einen Grundschnitt erstellt hat, den sie jetzt als Basis für die Anpassung von Schnittmustern verwendet. Das klingt doch nach einer praktikablen Idee.

Grundschnitte hatte ich sogar schon, die hatte ich schon vor längerer Zeit mal aus einem Buch kopiert. Mein erster Gedanke war also, diese Schnitte für mich anzupassen.

Doch bevor ich damit anfangen konnte, fiel mir in der Bücherei ein ziemlich dickes Buch in die Hände: Schnittkonstruktion für Damenmode von Guido Hofenbitzer (Leseprobe).

Wie der sachliche Titel schon vermuten lässt, handelt es sich hierbei um ein richtiges Schulbuch für Maßschneider. Ich muss zugeben, beim ersten Blick hinein habe ich mich regelrecht erschlagen gefühlt: So viele unbekannte Abkürzungen und Begriffe. (Was um alles in der Welt ist bitte ein Hüftausfall?) Aber es ist ja ein Büchereibuch – mitnehmen kostet nichts, also geben wir ihm eine Chance. Schnittmusterpapier mit Rasteraufdruck hab ich eh noch zu Hause. Wenn das nichts wird, kann ich ja wieder auf die fertigen Grundschnitte zurückgreifen.

Das Buch beginnt logischerweise mit einem Kapitel über das richtige Maßnehmen. (Schon lustig, wie meine Maße in der beigelegten Tabelle für Konfektionsgrößen hin und her springen. Kein Wunder, dass die Klamotten von der Stange so oft nicht passen.)

Dann kann es auch schon losgehen – Es folgt die Konstruktion eines einfachen geraden Rocks. Und was soll ich sagen – dem ersten Eindruck zum Trotz geht das Zeichnen des Schnittes ganz einfach von der Hand. Die einzelnen Schritte sind schön ausführlich einer nach dem anderen aufgeschrieben, da kann ich mich Schritt für Schritt lang hangeln. Für die Abnäher muss einmal kurz gerechnet werden, aber das ist wirklich keine höhere Mathematik.

Ich hab den Schnitt also nach meinen Maßen gezeichnet und dann gleich ein Probemodell aus Nessel genäht. Angezogen – passt. Das lief so gut, dass ich mich gleich an das übernächste Kapitel gesetzt habe: Oberteile.

Ich würde jetzt gerne sagen, dass der Oberteilgrundschnitt genau so leicht von der Hand ging wie der vom Rock. Leider wäre das eine Lüge, eine ganz gewaltige sogar.

Ich habe drei Anläufe gebraucht, um einen Schnitt fertig zu zeichnen, und das erste Probeteil hat vorne und hinten nicht gepasst. Schließlich stellte sich heraus, dass ich schlicht und ergreifend falsch gemessen hatte. Also habe ich nochmal gründlich nachgemessen und endlich passte auch das Oberteil.

Sloper_schraeg_vorne
Sloper_Oberteil_Rock_hinten

Mein Fazit soweit: Im Selbststudium ist das Buch schon eine Herausforderung, aber es lohnt sich. Die Grundschnitte sitzen besser, als alles, was ich bisher im Laden gekauft habe. Aber richtiges Messen ist absolut entscheidend.

Nach der Konstruktion des Grundschnittes folgen verschiedene Abwandlungsmöglichkeiten. Schon alleine zum Angucken fand ich das sehr interessant. So entstehen aus den Grundschnitten komplexe Kleidungsstücke, die man dann nachbauen kann. Ich hatte das eine oder andere „Aha-Erlebnis“ beim Durchblättern. Was man mit Abnähern doch so alles machen kann…

Bisher habe ich zwei Kleidungsstücke nach Maß fertig gestellt. Als erstes einen weißen Jeansrock, schlicht, aber schön.

weisser_Rock_vorne
 
weisser_Rock_hinten

Nur der Stoff ist ein bisschen knautschanfällig.

Als zweites entstand ein T-Shirt-Kleid. Es ist ein ganz einfaches Teil, nur ein verlängerter Oberteil-Grundschnitt, aber ich liebe es. Es ist so wahnsinnig bequem und luftig, ideal für die vergangenen heißen Tage. Ich habe es inzwischen so oft getragen, dass der Stoff schon etwas ausgeleiert ist.

Shirtkleid_vorne
 
Shirt_Abnaeher

Ein Tipp aus dem Buch: auch Oberteile aus dehnbarem Material sitzen meistens besser, wenn man einen Brustabnäher einarbeitet. Kann ich in meinem Fall jedenfalls nur bestätigen.

Mal schauen, wie es weiter geht. Das Buch habe ich inzwischen jedenfalls gekauft und werde mit Sicherheit weiter damit arbeiten. Bei der Konstruktion des klassischen zweireihigen Blazers ganz am Ende steig ich definitiv noch aus. Aber man weiß ja nie. ;)